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Die Lancet-Veröffentlichung von Shang et al.

Im August 2005 veröffentlichte die Fachzeitschrift The Lancet eine Studie1, die je 110 ähnliche homöopathische und schulmedizinische Studien verglich und zu dem Schluss kam, dass Homöopathie nicht besser wirke als ein Placebo.

Ein begleitender Leitartikel vom Herausgeber der Zeitschrift The Lancet mit dem Titel „The end of homoeopathy“2 [Das Ende der Homöopathie] erregte starkes Medieninteresse. Die Schlussfolgerungen dieser Studie basierten jedoch in Wirklichkeit auf nur acht der 110 Studien, von denen keine einzige übliche homöopathische Behandlung zum Gegenstand hatte. Wenn man zudem nur eine einzige der acht Studien, die aus den 110 ausgesucht wurden, gegen eine andere austauscht, kehren sich die Ergebnisse um und zeigen, dass die Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirkt.3

Dies veranschaulicht, dass die Ergebnisse dieser Arbeit völlig unzuverlässig sind.

Die Abfolge der Ereignisse im Zusammenhang mit dieser Ausgabe von The Lancet, die darauf folgende politische Kontroverse sowie die wesentlichen Mängel der Studie selbst wurden in dem Artikel „Homeopathy and The Lancet3 zusammengefasst.

 

Eine Veröffentlichung mit anhaltenden globalen Auswirkungen

Die Arbeit von Shang et al. ist heute berüchtigt, denn trotz derart grundlegender Mängel wird sie bis zum heutigen Tag fälschlicherweise als endgültiger „Beweis“ dafür zitiert, dass die Homöopathie nicht wirke, z. B.

 

„Mehr als 150 Studien konnten ihre Wirksamkeit nicht beweisen“.
Dr Ellie Cannon – Allgemeinmedizinerin für die Zeitung Mail on Sunday, schreibt am 14. September 2014 in der Rubrik „Health Comment“ der Mail on Sunday

„Es wurden inzwischen mehr als 100 Studien zum Thema Homöopathie durchgeführt. Bei jeder medizinischen Behandlung ist nach 100 Studien, die keinen vorteilhaften Gesamtnachweis für einen Nutzen erbringen konnten, der Punkt gekommen, an dem ein vernünftiger Mensch ohne eigennütziges Interesse an dieser bestimmten Behandlungsweise laut und deutlich erklären würde: „Es sollte kein Geld mehr für die Erforschung dieser Sackgasse ausgegeben werden“.
Ben GoldacreBritischer Arzt, akademischer und wissenschaftlicher Autor. „Pharma Chameleon“, New Europe, 17. April 2011 – Ausgabe 93.

Die Ergebnisse der Shang-Arbeit

Die Forschungsergebnisse von Shang et al. lauten in der Zusammenfassung dieser Veröffentlichung wie folgt:

110 homöopathische Studien und 110 vergleichbare schulmedizinische Studien wurden analysiert. Die mittlere Studiengröße betrug 65 Teilnehmer (Bereich von 10 bis 1.573). 21 homöopathische Studien (19 %) und 9 schulmedizinische Studien (8 %) wiesen eine höhere Qualität auf. In beiden Gruppen zeigten kleinere Studien und solche von geringerer Qualität positivere Behandlungseffekte als größere und höherwertige Studien. Als die Analyse auf große Studien von höherer Qualität beschränkt wurde, betrug das Quotenverhältnis („Odds Ratio“ (OR)) 0,88 (95 % Konfidenzintervall (KI) 0,65 – 1,19) für Homöopathie (8 Studien) und 0,58 (0,39 – 0,85) für die Schulmedizin (6 Studien).

Anmerkung: Dieses Quotenverhältnis bedeutet Folgendes: Wenn man diese speziellen acht Studien zur Homöopathie zusammen analysiert, legen die Ergebnisse nahe, dass die beobachteten Effekte eher auf einen Placebo-Effekt als auf einen echten klinischen Effekt zurückzuführen sind.

Wie zuverlässig sind diese Ergebnisse?

Die Rolle der Shang-Veröffentlichung in der Homöopathie-Debatte kann nicht genug betont werden, daher ist die Frage der Qualität und Zuverlässigkeit dieser Arbeit von größter Bedeutung.

Leider ist die schlechte wissenschaftliche Qualität der Arbeit offensichtlich, wie bereits von Experten auf dem Gebiet der Homöopathieforschung3,4,5,6,7 sowie auch durch den unabhängigen Wissenschaftler Prof. Hahn festgestellt wurde, der das Hauptproblem deutlich wie folgt macht:

„Für die Schlussfolgerung, dass Homöopathie keine klinische Wirkung zeigt, mussten mehr als 90 % der verfügbaren klinischen Studien außer Acht gelassen werden.8

 

MehrWeniger

Verständlicherweise waren es häufig auf die Homöopathieforschung und/oder die Homöopathie spezialisierte Wissenschaftler, Forscher und Ärzte, die diese Publikation in allen Einzelheiten verstehen und Artikel zu diesem Thema verfassen wollten. Zwar bedeutet dies nicht, dass deren Argumente falsch sind, doch waren diese Meinungen Kritikern zufolge durch eine gewisse Voreingenommenheit beeinflusst.

Prof. R. Hahn aus Schweden „hat nie Homöopathie praktiziert, erhalten oder studiert, aber in der klinischen Medizin gearbeitet und in den letzten 30 Jahren traditionelle medizinische Forschung auf den Gebieten der Anästhesiologie und Chirurgie durchgeführt.“ Seine Arbeit beschreibt detailliert, warum die Ergebnisse der Shang-Arbeit, die Studien zu einer Vielzahl von Krankheitsbildern umfasst, in wissenschaftlichen Kreisen üblicherweise nicht akzeptiert werden würden:

Das endgültige Argument gegen die Homöopathie ist der von Aijing Shangs Forschungsgruppe im Jahr 2005 veröffentlichte „Funnel Plot“. Dieser ist allerdings mangelhaft, wenn er auf verschiedene Krankheiten angewendet wird.8 

Die Relevanz der Shang-Arbeit von 2005 im Jahr 2015

Die Zuverlässigkeit der Analyse ist nicht das einzige Problem bei der Shang-Arbeit. Da wir die Datenlage im Jahr 2015 von Neuem betrachten, müssen wir auch prüfen, wie gut diese Studie die Gesamtheit der heutigen Evidenzbasis reflektiert.

Eine gründliche Studie von Mathie et al. aus dem Jahr 2014 ergab, dass bei homöopathischen Arzneimitteln, die während einer individualisierten Behandlung verschrieben werden, die Wahrscheinlichkeit einer positiven Wirkung im Vergleich zum Placebo 1,5- bis 2-mal höher ist.13

Diese Studie umfasst 151 placebokontrollierte randomisierte Studien – 41 mehr als von Shangs Team im Jahr 2005 identifiziert wurden, die jedoch deren Einschlusskriterien erfüllt hätten, wenn sie damals verfügbar gewesen wären.

Dies zeigt, wie überholt die zehn Jahre alte Arbeit von Shang et al. inzwischen ist, die aktuell nur noch 73 % der geeigneten Studien abdeckt.

Lesen Sie die vom HRI verfasste kurze Zusammenfassung der Studie von Mathie et al. oder hören Sie sich Robert Mathie bei der Präsentation seiner Ergebnisse auf der HRI-Konferenz in Rom im Jahr 2015 an.

Die wichtigsten Fakten von Shang et al.

  • Obwohl diese Studie 110 homöopathische Einzelstudien und 110 vergleichbare schulmedizinische Studien umfasste, wurden die Ergebnisse auf nur acht homöopathische und sechs schulmedizinische Studien gestützt, die als „größere, höherwertige Studien“ bezeichnet wurden.
  • Wären alle 21 homöopathischen Studien, die von Shang et al. als qualitativ höherwertig identifiziert wurden, analysiert worden, hätten sie das gegenteilige Ergebnis erhalten – nämlich, dass die Homöopathie eine Wirkung hat, die über den Placebo-Effekt hinausgeht.10 Es wurde nicht begründet, wieso die anderen 13 qualitativ hochwertigen Studien außer Acht gelassen wurden, nur weil sie kleiner waren.
  • Die Studie enthält keine „Sensitivitätsanalyse“, d. h., wenn man nur eine einzige der acht homöopathischen Studien, die aus den 110 ausgewählt wurden, gegen eine andere austauscht, erhält man das gegenteilige Ergebnis, nämlich, dass die Homöopathie besser wirkt als ein Placebo.4
  • Keine der acht verwendeten Homöopathie-Studien umfasste eine individualisierte homöopathische Behandlung – also die Form der Homöopathie, die als „Standardbehandlung“ gilt – stattdessen wurden nicht-individualisierte homöopathische Arzneimittel untersucht, die ohne Beratung verabreicht wurden. Die Schlussfolgerungen dieser Studie haben daher keine Relevanz für die Evidenzlage „für oder gegen“ übliche homöopathische Behandlungen.
  • Die acht verwendeten Studien untersuchten eine Reihe unterschiedlicher homöopathischer Arzneimittel in ihrer Verwendung bei verschiedenen Krankheitsbildern. Man kann davon ausgehen, dass – ähnlich wie in der Schulmedizin – manche homöopathischen Behandlungen wirken und andere nicht. Daher ist es kein Wunder, dass manche dieser Studien negativ, andere aber positiv ausfielen. Ein Zusammenführen der Ergebnisse, um zu entscheiden, ob sie eine Wirksamkeit der „Homöopathie“ zeigen, ergibt wissenschaftlich gesehen keinen Sinn.
  • In der Originalpublikation geben Shang et al. nicht an, welche acht Studien zur Homöopathie und welche sechs Studien zur Schulmedizin sie verwendeten. Ein derartiger Mangel an Transparenz und Präzision wird bei Studien in der Schulmedizin in der Regel nicht toleriert.6 Erst nach Protesten stellten die Autoren diese Informationen schließlich zur Verfügung.
  • Die mehr als zehn Jahre alte Shang-Arbeit ist obsolet und wurde durch andere Arbeiten überholt. Seit 2005 sind 41 weitere placebokontrollierte randomisierte Studien veröffentlicht worden, die sich für die Aufnahme in die Arbeit von Shang geeignet hätten. Diese Studien wurden in die neueste im Jahr 2014 von Mathie et al. veröffentlichte Metaanalyse aufgenommen, die zu einem positiven Schluss kam.13

ReferenzenWeniger

  1. Shang A, Huwiler-Muntener K, Nartey L, et al. Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homeopathy and allopathy. Lancet 2005; 366: 726–732 | PubMed
  2. Editorial. The end of homeopathy. Lancet., 2005;366:690 | Full text
  3. Fisher P. Homeopathy and the Lancet. Evid Based Complement Alternat Med., 2006; 3(1): 145–147 | Full text
  4. Lüdtke R & Rutten ALB. The conclusions on the effectiveness of homeopathy highly depend on the set of analyzed trials. J. Clin. Epidemiol., 2008; 61: 1197–1204 | PubMed
  5. Helmut K, et al. Failure to Exclude False Negative Bias: A Fundamental Flaw in the Trial of Shang et al. JACM, 2005; 11(5): 783 | PubMed
  6. Bell IR. All Evidence Is Equal, but Some Evidence Is More Equal than Others: Can Logic Prevail over Emotion in the Homeopathy Debate? JACM, 2005; 11(5): 763-769 | PubMed
  7. Frass M, et al. Bias in the Trial and Reporting of Trials of Homeopathy: A Fundamental Breakdown in Peer Review and Standards? JACM, 2005; 11(5): 780-782 | PubMed
  8. Hahn RG. Homeopathy: Meta-Analyses of Pooled Clinical Data. Forsch Komplementmed., 2013;20:000–000 Published online: October 17, 2013 DOI: 10.1159/000355916 | PubMed
  9. Mathie RT, et al. Randomised controlled trials of homeopathy in humans: characterising the research journal literature for systematic review. Homeopathy, 2013; 102:3–24 | PubMed
  10. Lewith G, Professor of Health Research at Southampton University, Letter to the Editor, Positive Health, December 2008 | Full text
  11. Goldacre, Ben.‘Pharma Chameleon’, New Europe, 17 April 2011 – Issue 931.
  12. Faculty of Homeopathy website: http://www.facultyofhomeopathy.org/research/ accessed 1 August 2014
  13. Mathie RT, et al. Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Systematic Reviews, 2014; 3: 142
 | Full text 
  14. Mathie, R. T. et al. Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Systematic Reviews, 2017; 6:63 | PubMed 

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