Am 24. November wurde eine klinische Studie von Frass et al. 2020¹, vom Herausgeber der Fachzeitschrift zurückgezogen. Die Studie untersuchte homöopathische Behandlungen zusätzlich zur üblichen onkologischen Versorgung bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom. Die Studie entspricht dem Goldstandard eines doppelblinden, placebokontrollierten Studiendesigns und kam zu dem Ergebnis, dass Patienten, die zu ihrer konventionellen Krebs-Therapie auch homöopathisch behandelt wurden, im Vergleich zur Placebogruppe eine verbesserte Lebensqualität und eine verlängerte Überlebenszeit aufwiesen.

Ungewöhnlicherweise wurden in der Rückzugserklärung² keine konkreten Gründe für den Rückzug genannt, außer dass der Herausgeber nach anhaltender Kritik an der Studie seit 2021 das Vertrauen in die Studie verloren habe. Die Autoren haben jedoch die beiden Gründe offengelegt, die ihnen vom Herausgeber genannt wurden: a) Da in dieser Studie individualisierte Homöopathie untersucht wurde, sei die Studie nicht reproduzierbar, und b) Professor Frass habe einen nicht offengelegten Interessenkonflikt, da er dieselben homöopathischen Arzneimittel während der Studiendauer in seiner Privatpraxis „vermarktet“ und verschrieben habe.

Keiner dieser Punkte ist stichhaltig. Individualisierte Homöopathie, also die individuelle Auswahl homöopathischer Arzneimittel für jeden Patienten entsprechend seinen spezifischen Symptomen, ist ein Ansatz, der bisher in 32 placebokontrollierten Studien untersucht wurde³. In solchen Studien wird die Wirksamkeit der Methode getestet, nicht die Wirksamkeit der einzelnen verwendeten Arzneimittel, und diese Methode ist reproduzierbar.

Ebenso liegt keinerlei Interessenkonflikt vor. Die verwendeten Arzneimittel sind in vielen Ländern allgemein über homöopathische Apotheken erhältlich, und ihre Verschreibung in der täglichen Praxis beinhaltet keinerlei Vermarktung bestimmter Produkte. Es bestand daher keinerlei Möglichkeit eines finanziellen Vorteils durch ihren Einsatz in dieser Studie.

Diese Rückzugsentscheidung folgt auf eine langwierige Reihe von Anschuldigungen gegen die Studie von Prof. Frass, die von einer Anti-Homöopathie-Kampagnengruppe angestoßen wurden (Einzelheiten siehe unten). Als Reaktion darauf ergriff die Fachzeitschrift The Oncologist geeignete Maßnahmen ein und führte eine gründliche, zweijährige Untersuchung der Studie durch. Diese kam zu dem Schluss, dass alle vorgebrachten Kritikpunkte und Bedenken von den Autoren vollständig berücksichtigt und durch eine im September 2024 veröffentlichte Korrektur ausgeräumt worden waren⁴.

Da auch die beiden jüngsten zusätzlichen Kritikpunkte ebenfalls von den Autoren beantwortet wurden, gibt es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Gründe für einen Rückzug. Auch wenn man das Bestreben des Herausgebers verstehen kann, diese vier Jahre andauernde Angelegenheit zu beenden, stellt die Entfernung von Frass et al. 2020 aus der wissenschaftlichen Literatur auf diese Weise einen Rückschritt für die Wissenschaft und die evidenzbasierte Medizin dar.

Referenzen

  1. Frass M, Lechleitner P, Gründling C, et al. Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study. The Oncologist, 2020;25(12):e1930-e1955. PubMed
  2. Retraction of: Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study. The Oncologist, 2025;30(11):364 PubMed
  3. Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA, et al. Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Syst Rev, 2014;3:142 PubMed
  4. Correction to: Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study. The Oncologist, 2024; 29(11):e1631 PubMed

WEITERE INFORMATIONEN

Im Jahr 2021 reichte eine deutsche und österreichische Anti-Homöopathie- Kampagnengruppe eine Beschwerde gegen die Studie von Frass et al. 2020 sowohl bei der Fachzeitschrift The Oncologist als auch bei der gastgebenden Institution von Professor Frass, der Medizinischen Universität Wien, ein. Letztere leitete die Beschwerde zur Stellungnahme an die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) weiter.

Im August 2022 veröffentlichte die ÖAWI eine abschließende Stellungnahme, in der sie behauptete, Beweise für wissenschaftliches Fehlverhalten gefunden zu haben, und feststellte, dass „mehrere der Ergebnisse nur durch Datenmanipulation oder Fälschung erklärt werden können“. Dieser Bericht wurde dem Herausgeber von The Oncologist und anschließend den Autoren übermittelt, mit der Aufforderung, die Studie zurückzuziehen. Danach wurde der Fall von der ÖAWI – gemäß ihrer Verfahren – ohne Möglichkeit einer Berufung, abgeschlossen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die die Untersuchung von der ÖAWI an Prof. Frits Rosendaal und Prof. Katrin Auspurg geschickt worden ist. Bereits im Jahr 2002 hatte Prof. Rosendaal eine Publikation mitverfasst, die eine klare anti-homöopathische Voreingenommenheit erkennen ließ. Zudem erklärte Prof. Rosendaal in den online veröffentlichten Kommentaren zu dieser Arbeit:

Unsere Erwartungen an die Homöopathie sind gleich null, daher ist Forschung für uns bedeutungslos; schließlich kann sie unser Urteil über die Wirksamkeit der Homöopathie nicht ändern.“

„… es kann keine Wirkung homöopathischer Arzneimittel geben.“

Auch wenn eine vorgefasste Meinung einen Wissenschaftler nicht grundsätzlich daran hindert, sich mit einem Thema zu befassen, stellt eine derart klare und langjährig bestehende Haltung einen potenziellen Interessenkonflikt dar, der hätte offengelegt und entsprechend behandelt werden sollte. Dennoch gibt es seitens der ÖAWI keinen Hinweis auf eine dieser beiden Maßnahmen.

Nach Erhalt des ÖAWI-Berichts leitete The Oncologist eine eigene, gründliche zweijährige Untersuchung ein. Professor Frass kooperierte vollumfänglich mit diesem Verfahren und stellte zusätzliche Informationen zur Verfügung, um alle Bedenken auszuräumen. Dies führte zu der Schlussfolgerung der Zeitschrift, dass die Studie weiterhin gültig sei.

Eine formelle Korrektur wurde veröffentlicht, um die gegenüber den Herausgebern vorgebrachten Punkte zu klären. Darin heißt es: „… Zusätzliche Details, die in der ursprünglichen Veröffentlichung nicht enthalten waren, wurden inzwischen von den Autoren bereitgestellt und von den Herausgebern geprüft, um die Bedenken auszuräumen. Diese Auslassungen haben keinen Einfluss auf die Ergebnisse dieser Studie.“

Angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit rund um diese Studie veröffentlichte The Oncologist zudem ein Editorial, das weitere Einblicke in die Position der Herausgeber gab. Darin wurde auf die Schwierigkeiten hingewiesen, mit denen Forscher bei der Durchführung und Veröffentlichung onkologischer klinischer Studien konfrontiert sind, und die Bedeutung der Veröffentlichung aller Daten betont, unabhängig davon, wie unerwartet die Ergebnisse erscheinen mögen, um den Beiträgen der Patienten gerecht zu werden.

An diesem Punkt hätte die akademische Diskussion abgeschlossen sein sollen, da die Studie zur Zufriedenheit der Fachzeitschrift verteidigt worden war. Dennoch brachten Mitglieder der ursprünglichen Anti-Homöopathie Kampagnengruppe weitere Beschwerden vor und erzwangen eine erneute Untersuchung. Dies führte zu zwei neuen Kritikpunkten (Verwendung individualisierter Homöopathie und angeblicher Interessenkonflikt) und letztlich zum Rückzug der Studie.

ENDE