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Der australische Bericht

Im März 2015 veröffentlichte der australische National Health and Medical Research Council (NHMRC) eine Übersichtsarbeit („Information Paper“) über Homöopathie, die gemeinhin als „Der australische Bericht“ bezeichnet wird.1

Diesem Bericht zufolge „… existieren keine Erkrankungen, bei denen die Wirksamkeit der Homöopathie zuverlässig nachgewiesen werden kann“.2

Der Bericht sorgte weltweit für Schlagzeilen. Diese suggerierten, der NHMRC habe festgestellt, dass sich die Homöopathie bei keiner Erkrankung als wirksam erwiesen hätte.3

Die Direktorin des NHMRC Prof. Anne Kelso gab am 26. August 2019 die folgende Klarstellung in Bezug auf die Ergebnisse des Homöopathie-Berichts von 2015 heraus:

„Entgegen einiger Behauptungen kam der Bericht nicht zu dem Schluss, dass Homöopathie ineffektiv ist.“

Eine umfassende Untersuchung des Gebarens des NHMRC durch die Australian Homeopathic Association (AHA) in Verbindung mit einer eingehenden wissenschaftlichen Analyse des Reviews durch das HRI enthüllte schwerwiegende verfahrenstechnische und wissenschaftliche Verfehlungen, einschließlich der Tatsache, dass der veröffentlichte Bericht bereits der zweite Anlauf des NHMRC war. Ein erster Bericht aus dem Jahr 2012 wurde der Öffentlichkeit nie zugänglich gemacht.

Rachel Roberts, Hauptgeschäftsführerin des HRI, sagt: „Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, dass es qualitativ hochwertige Studien gibt, die die Wirksamkeit der Homöopathie bei manchen Erkrankungen wie z. B. Heuschnupfen, Sinusitis und Durchfall bei Kindern belegen. Diese Informationen deshalb verloren gegangen, weil der  NHMRC die Studienergebnisse falsch gehandhabt hat. Würde man die Ergebnisse aus der Schulmedizin so behandeln, gäbe es einen Aufschrei – und das zu Recht. Die Aufgabe des NHMRC bestand darin, die Evidenzlage zur Homöopathie für die Öffentlichkeit präzise zusammenzufassen. Eine Aufgabe, bei der das NHMRC entschieden versagte.“

Fehlender erster Bericht wurde endlich herausgegeben

Nach einem kontinuierlichen Einsatz von Interessensgruppen und der Öffentlichkeit veröffentlichte das NHMRC im August 2019 schließlich den Berichtsentwurf 2012, in dem der Autor zu dem Schluss kam, dass es „vielversprechende Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie“ bei fünf Erkrankungen gibt.

Warum ist dieser erste Bericht wichtig? (Englisch)

Die wichtigsten Fakten des australischen Berichts

  • Das NHMRC führte den Homöopathie-Review zweimal durch und erstellte für jeden einen eigenständigen Bericht: Der erste entstand im Juli 2012, der zweite wurde im März 2015 für die Öffentlichkeit freigegeben
  • Die Existenz des ersten Berichts wurde allerdings nicht bekannt gegeben – er wurde erst entdeckt, nachdem die AHA Anträge auf Akteneinsicht gestellt hatte.
  • Der NHMRC behauptet, den ersten Bericht aufgrund seiner schlechten Qualität abgelehnt zu haben – obwohl er von einem namhaften Wissenschaftler verfasst wurde, der auch Autor der NHMRC-eigenen Richtlinien zur Durchführung von Evidenz-Überprüfungen ist.
  • Im Zusammenhang mit den gestellten Anträgen auf Akteneinsicht zeigte sich, dass Professor Fred Mendelsohn, der als Mitglied des NHMRC-Expertenausschusses den Review-Prozess überwachte, die hohe Qualität des ersten Berichts mit folgenden Worten bestätigte: „Ich bin von der Stringenz, Gründlichkeit und Systematik beeindruckt, die der Evaluation der veröffentlichten Berichte über die Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Homöopathie zugrunde lag [….]  Diese Überprüfung wurde hervorragend durchgeführt und die Ergebnisse werden auf systematische, objektive und überzeugende Weise präsentiert.“
  • Laut NHMRC beruhten die Ergebnisse des zweiten, im Jahr 2015 veröffentlichten Berichts auf einer „sorgfältigen Prüfung von mehr als 1.800 Studien“. Tatsächlich aber basierten die Ergebnisse auf nur 176 Studien.
  • Der NHMRC verwendete eine Methode, die noch in keiner anderen Überprüfung davor oder danach eingesetzt wurde. Es entschied, dass Studien mindestens 150 Teilnehmer umfassen und eine ungewöhnlich hohes Maß an Qualität aufweisen müssten, damit sie als „zuverlässig“ gelten. Dabei führt das NHMRC selbst regelmäßig Studien mit weniger als 150 Teilnehmern durch.
  • Diese beispiellosen und willkürlichen Regeln führten dazu, dass die Ergebnisse von 171 der Studien als „unzuverlässig“ eingestuft und völlig außer Acht gelassen wurden, sodass nur fünf Studien übrig blieben, die das NHMRC als „zuverlässig“ erachtete. Diese fünf Studien wurden allesamt als negativ eingestuft. Daraus schloss das NHMRC, es gebe keine „zuverlässigen“ Nachweise.
  • Professor Peter Brooks, Vorsitzender des NHMRC-Ausschusses, der die Überprüfung von 2015 durchführte, hatte es zunächst versäumt, seine Mitgliedschaft in der Anti-Homöopathie-Lobbygruppe „Friends of Science in Medicine“ anzugeben.
  • Entgegen der NHMRC-eigenen Richtlinien war in diesem Ausschuss nicht ein einziger Homöopathie-Experte vertreten.

Beschwerde an den Bürgerbeauftragten des Commonwealth

Im August 2016 reichte die Australian Homeopathic Association (AHA) beim Commonwealth-Ombudsman Beschwerde auf Grundlage des PID-Gesetzes gegen das NHMRC ein. Es ist auch als „Whistleblower“ Gesetz bekannt. Die Untersuchung sollte prüfen, ob dem NHMRC Voreingenommenheit, Fehlverhalten und letztlich Irreführung der Öffentlichkeit in seinem Bericht über Homöopathie aus dem Jahr 2015 zur Last gelegt werden kann.

Das Homeopathy Research Institut (HRI) unterstützte mit einem Gutachten die Untersuchung. Darin wurden die unwissenschaftlichen Methoden aufgezeigt, mit denen das NHMRC den Homöopathie-Bericht verfasst hatte.

Das Büro des Ombudsmannes gab am 4. August 2023 bekannt: „Trotz unserer Bemühungen war es nicht möglich, einen Experten (oder mehrere Experten) zu gewinnen, der uns zu diesem Thema unabhängig berät. In Ermangelung unabhängiger wissenschaftlicher Expertise waren wir nicht in der Lage, die Fragen der wissenschaftlichen Methodik abschließend zu klären.“

Zum diesem Abschlussbericht erklärt Rachel Roberts, HRI-Geschäftsführerin:

„Es ist äußerst enttäuschend, dass der Ombudsmann keine wissenschaftlichen Experten finden konnte, die unvoreingenommen die wissenschaftlichen Methoden des NHMRC beurteilen wollten. Aus unserer Sicht wurde seitens des NHMRC in beispielloser Art und Weise unwissenschaftlich gearbeitet.

Da der NHMRC-Bericht weithin zitiert wurde, ist es zutiefst bedauerlich, dass trotz einer siebenjährigen Untersuchung das unwissenschaftliche Verhalten des NHMRC nicht benannt werden konnte.“

Die Kurzfassung der Vorlage an den Bürgerbeauftragten kann hier heruntergeladen werden.
Laden Sie hier die Abschlusserklärung des Büros des Commonwealth Ombudsman herunter.
Laden Sie hier die HRI-Erklärung zum Abschluss der Ombudsmann-Beschwerde herunter.

Roberts stellt fest: „Der Review des NHMRC ist ein erschütterndes Beispiel für fehlerhafte Berichterstattung. Entscheidungsträger und die wissenschaftliche Gemeinschaft verlassen sich auf diese Art von Berichten und müssen ihrer Richtigkeit vertrauen können. Hier geht es nicht um jemandes persönliche Meinung darüber, ob Homöopathie wirkt oder nicht. Es geht um die Bedeutung der objektiven Berichterstattung über das Beweismaterial – egal, was es aussagt –, und das hat das NHMRC nicht getan.“

Die Beschwerdeführer warten derzeit auf die Antwort des Bürgerbeauftragten auf ihre Vorlage. Da der fehlerhafte Homöopathie-Review des NHMRC weltweit beträchtliche Auswirkungen auf die Homöopathieforschung hatte, wird das HRI die Öffentlichkeit im weiteren Verlauf des Falles über alle Neuigkeiten in Bezug auf die Beschwerde informieren.

Der fehlende erste Bericht

Die Untersuchungen des NHMRC zur Homöopathie erfolgten von 2010 bis 2015. Zunächst arbeitete das NHMRC von April 2012 bis August 2012 mit einem externen Auftragnehmer von der University of South Australia (UniSA) zusammen und erstellte einen Bericht über die Datenlage im Bereich Homöopathie, um die australische Öffentlichkeit entsprechend zu informieren.

Der Bericht trug den Titel The Effectiveness of Homeopathy:  An overview review of secondary evidence“.

Dieser durch die australischen Steuerzahler finanzierte Bericht wurde jedoch nie veröffentlicht. Das NHMRC weigerte sich trotz wiederholter Anträge auf Akteneinsicht über 3 Jahre, ihn freizugeben.

Nachdem der Vertrag mit dem ersten Review-Team gekündigt wurde, wurde mit OptumInsight ein zweiter externer Auftragnehmer engagiert, um den Homöopathie-Review zwischen Dezember 2012 und März 2015 erneut durchzuführen.

Nicht nur das HRI kritisiert die Richtigkeit der NHMRC-Ergebnisse

Im Zusammenhang mit den gestellten Anträgen auf Akteneinsicht geht hervor, dass zwei unabhängige Experten beim Peer-Review vor der endgültigen Veröffentlichung ebenfalls Bedenken über die Schlussfolgerungen des Berichts von 2015 äußerten. Das südwestpazifische Cochrane-Zentrum kommentierte, dass für einige Erkrankungen „…[die Einstufung] ‚keine zuverlässigen Nachweise‘ die Evidenzlage nicht korrekt wiederzugeben scheint“. Ein zweiter Experte „äußerte Zweifel ob des endgültigen Charakters der Schlussfolgerungen, die der Bericht zog“. Das NHMRC ging über dieses Feedback hinweg und revidierte seine Schlussfolgerungen nicht.

Die wahre Geschichte hinter den Schlagzeilen

MehrWeniger

Die Übersichtsarbeit richtet sich an die breite Öffentlichkeit und soll die Ergebnisse einer Bewertung von systematischer Studien zusammenfassen, die vom NHMRC durchgeführt wurde, um die Evidenzbasis für die Wirksamkeit der Homöopathie beim Menschen zu bewerten.2

„Mangel an Nachweisen für die Wirkung“ und „Nachweise für den Mangel an Wirkung“ – eine Verwechslung

Die Schlussfolgerung des Berichts, dass es „keine zuverlässigen Nachweise“ für die Wirkung von Homöopathie gebe, ist weithin missverstanden worden. Man meinte nun, dass das NHMRC festgestellt habe, dass Homöopathie bei den geprüften Erkrankungen nicht wirkt, was ein völlig anderes Ergebnis wäre.

Dieses Missverständnis löste eine umfassende Medienberichterstattung aus,  und es verbreitete sich die unzutreffende Botschaft, das NHMRC habe festgestellt, dass Homöopathie bei keiner Erkrankung besser wirke als ein Placebo.

Tatsächlich kam das NHMRC aber zu dem Schluss, dass Homöopathie bei nur 13 der 61 untersuchten Erkrankungen nicht besser wirkte als ein Placebo.

Die eingehende wissenschaftliche Analyse des australischen Berichts durch das HRI deckte zahlreiche Beispiele für Voreingenommenheit und Falschberichte auf. So erklärt sich, wie das NHMRC zu einer so endgültigen und negativen Position gelangte, die den Schlussfolgerungen der meisten anderen akademisch anspruchsvollen systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen über Homöopathie widerspricht.

Ausschlaggebend ist, dass die Ergebnisse des NHMRC in erster Linie mit dessen Definition von zuverlässigen Nachweisen stehen und fallen: Damit eine Studie als „zuverlässig“ erachtet wurde, musste sie mindestens 150 Teilnehmer und eine Qualitätszahl von 5/5 auf der Jadad-Skala (oder Gleichwertiges auf anderen Skalen) vorweisen. Studien, die eine dieser Kriterien nicht erfüllten, wurden als „qualitativ und/oder größenmäßig unzureichend zur Rechtfertigung einer weiteren Berücksichtigung ihrer Ergebnisse“ abgelehnt.

Die Festlegung einer derart hohe Mindestqualität ist äußerst ungewöhnlich – die Mindestprobengröße von N = 150 ist willkürlich, entbehrt jeder wissenschaftlichen Begründung und ist in Evidenzüberprüfungen beispiellos.

Von den 176 Einzelstudien, die das NHMRC in dern Homöopathie-Review aufnahm, erfüllten nur fünf Studien die NHMRC-eigene Definition von „zuverlässig“. Aus keiner der fünf Studien ließ sich gemäß der NHMRC-Analyse eine Wirksamkeit der Homöopathie ableiten. So erklärt sich, warum das NHMRC schlussfolgerte, es gebe „keine zuverlässigen Hinweise“ für die Wirksamkeit der Homöopathie.

Für den Zusammenhang sei an Folgendes erinnert: Wenn tatsächlich „keine zuverlässigen Nachweise“ für die Homöopathie existierten, würde die Homöopathie in dieselbe Kategorie von Nachweisen („Wirksamkeit unbekannt“) fallen wie 50 % der schulmedizinischen Behandlungen, die im National Health Service  zum Einsatz kommen. Doch in Wirklichkeit ist diese Schlussfolgerung falsch.

Entgegen der Feststellung / des Befunds des NHMRC gibt es „gut konzipierte, hochwertige Studien mit ausreichenden Teilnehmerzahlen für ein aussagekräftiges Ergebnis“ (um die NHMRC-Beschreibung einer zuverlässigen Studie zu bemühen), die die Wirksamkeit bestimmter homöopathischer Behandlungen bei bestimmten Erkrankungen wie Heuschnupfen, Sinusitis, Infektionen der oberen Atemwege, Durchfall bei Kindern und Schmerzen im unteren Rücken belegen. Die Tatsache, dass die Ergebnisse solcher Studien ungerechtfertigterweise abgelehnt wurden, bedeutet, dass das NHMRC die Öffentlichkeit durch Falschmeldungen über Nachweise zur Wirksamkeit der Homöopathie getäuscht hat.

Weitere Informationen finden Sie in unseren FAQs zum australischen Bericht

Dokumentenarchiv

NHMRC-Publikationen im Jahr 2014

Australischer Bericht – Entwurf [auf Englisch]
Übersichtsbericht “Effectiveness of Homeopathy for Clinical Conditions: Evaluation of the Evidence (October 2013), prepared for the NHMRC Homeopathy Working Committee by Optum” [auf Englisch verfügbar]

einschließlich:

HRI-Publikationen in den Jahren 2014–2023

HRI-Erklärung 2023
Antwort des HRI auf den „australischen Bericht“ [auf Englisch]
Einreichung des HRI zur öffentlichen Anhörung [auf Englisch]

ReferenzenWeniger

1. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions [March 2015] | Volltext

2. Effectiveness of Homeopathy for Clinical Conditions: Evaluation of the Evidence. Overview Report. Prepared for the NHMRC Homeopathy Working Committee by Optum. October 2013 | Volltext

3. Homeopathy is bunk, study says. The Guardian, 8 April 2014 | Article

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